Wisch und weg – Die digitale Entfremdung der Romantik

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Wisch und weg – frei nach diesem Motto gestaltet sich heute für viele Menschen die Partnersuche. Die Möglichkeiten auf dem digitalen Flirtparkett scheinen nahezu unbegrenzt. Doch sind sie wirklich ein Garant fürs ganz große Herzklopfen?

Ein Swipe nach links, ein Swipe nach rechts – so einfach kann sie heutzutage sein, die Suche nach einem Menschen für eine vergnügliche Nacht oder gleich ein ganzes Leben. Die Digitalisierung macht auch vor den privatesten Bereichen des Lebens nicht halt, im Gegenteil. Und das scheinbar völlig unkomplizierte Anbandeln übers Internet findet Anklang. Immerhin 28% der Deutschen gaben im Jahr 2020 an, schon einmal Onlinedating betrieben zu haben.[1] Doch sorgen die neuen Möglichkeiten wirklich für mehr Nähe, Romantik und Schmetterlinge im Bauch?

Zweifelsohne steigert die Verwendung von Datingportalen auf den ersten Blick die Effizienz der Partner:innensuche. Wir bekommen eine schier unüberschaubare Anzahl von potenziellen Liebschaften präsentiert, darunter auch viele, die wir im echten Leben niemals getroffen hätten. Je nach Plattform kann man auch gleich eine Vorsortierung vornehmen, indem man nach Faktoren wie dem Bildungsabschluss, dem potenziellen Kinderwunsch oder der Körpergröße filtert. Das spart die Zeit, solche für die einen oder anderen mitunter entscheidenden Umstände erst mühsam zu erfragen.

Auch die Kontaktanbahnung selbst kann optimiert werden. Ein paar nette Nachrichten schweben hin und her und flugs wird das erste Treffen ausgemacht, fertig. Niemand muss mehr lange überlegen, wie man sich dem flüchtig bekannten Objekt der Begierde vorsichtig annähern und die Konversation optimal einleiten kann. Natürlich entfällt auch das Risiko, eine am Selbstwertgefühl nagende Abfuhr erteilt zu bekommen, nach der man sich vor lauter Scham kaum noch traut, einen Fuß in die gemeinsame Sportgruppe oder den Unikurs zu setzen.

Das Konzept scheint aufzugehen. Immerhin 21% der im Jahre 2021 geschlossenen Ehen nahmen ihren Anfang im digitalen Raum.[2] Nur das Kennenlernen über gemeinsame Freund:innen scheint noch erfolgversprechender und führte zu 28% der frischen Eheschließungen.[3]

In der Praxis birgt jedoch auch das virtuelle Stelldichein so seine Tücken. Sämtliche mit klangvollen Anglizismen bedachten Praktiken der modernen Kommunikation finden hier Anwendung, vom fast schon klassischen Ghosting (wortloser Kontaktabbruch) übers Benching (jemanden hinhalten, ohne ernsthafte Absichten zu verfolgen) bis hin zu handfesten Schwindeleien. So geben 35% der Nutzer:innen an, es bei ihren Datingprofilen mit der Wahrheit nicht immer so genau zu nehmen.[4]

Hinzu kommt, dass sich über rein digitale Kommunikation kein allumfassender Eindruck einer Person gewinnen lässt. Das potenzielle Herzblatt tritt dabei immer losgelöst von Faktoren auf, die letztlich jedoch entscheidend auf Sympathie und Anziehung einwirken können. Dazu zählen etwa das Verhalten in sozialen Situationen, aber auch scheinbar banale Dinge wie Gestik und Geruch. Nicht selten stellt sich beim langersehnten ersten Date dann schnell heraus, dass der oder die virtuell Angebetete eben doch nicht so passend ist wie gedacht.

Schlussendlich fällt bei der Verlagerung der romantischen Anbahnung in den digitalen Raum ein entscheidendes Momentum weg. Jenes nämlich, in dem die Kraft des Zufalls zwei Menschen zusammenführt, die sich online anhand einiger magerer Angaben in Windeseile gegenseitig ins dunkle Tal der weggewischten Verschmähten befördert hätten. Das ganze Feld der menschlichen Emotionen erweist sich in solchen Momenten erfreulicherweise als eine der letzten Bastionen, die noch nicht mittels Algorithmen und rationalen Kompatibilitätsüberlegungen bezwungen wurden.

 

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1129944/umfrage/aktivitaet-auf-einer-online-dating-plattform/ (abgerufen am 10.02.2022).

[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1025036/umfrage/umfrage-in-deutschland-zum-ort-des-kennenlernens-des-partners/ (abgerufen am 10.02.2022).

[3] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1025036/umfrage/umfrage-in-deutschland-zum-ort-des-kennenlernens-des-partners/ (abgerufen am 10.02.2022).

[4] https://de.statista.com/infografik/7339/verhalten-beim-onlinedating/ (abgerufen am 10.02.2022).