Meine Quarantäne

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Momentan ist Omikron so sehr auf dem Vormarsch wie noch keine Corona-Variante zuvor. Gefühlt jede:r Freund:in, Bekannte:r, Kolleg:in und Familienangehörige:r hat sich in den letzten Monaten trotz Impfung und Booster infiziert. Dass die Impfung keine Garantie sein würde, dass wir nicht 100% immun sein werden, wussten wir alle, als wir uns impfen ließen. Und trotzdem war ich, als mein PCR-Test nur ein paar Tage nach Silvester positiv zurückkam, so geschockt, dass ich anfing zu zittern.

Zu diesem Zeitpunkt war mein Onkel, der an einer Grundschule tätig ist, die einzige mir bekannte Person, die trotz Impfung Corona hatte. Die Idee, dass nun ausgerechnet ich mich ebenfalls angesteckt haben könnte, nachdem ich über anderthalb Jahre so aufgepasst hatte, war für mich einfach abwegig. Sogar so sehr, dass ich den Tag nach dem Abstrich für den PCR-Test ungeachtet meiner Symptome noch mit meiner Mutter auf der Couch verbrachte.

Damals konnte man einen PCR-Test noch ohne vorherigen positiven Schnelltest machen. Eigentlich war ich überzeugt, die Halsschmerzen und der vereinzelte trockene Husten wären nur ein Resultat der „stressigen“ Weihnachtsfeiertage. Testen ließ ich mich auch nur, weil meine Mutter wieder zur Arbeit gehen wollte und mein Freund, der wirklich nie krank wird, ebenfalls über Halsschmerzen klagte. Sogar mein Arzt meinte beim Abstrich, er hätte bei mir ein positives (also negatives?) Gefühl. Doch schon gegen halb vier Uhr nachmittags klingelte mein Handy und er teilte mir mit, dass dieses Bauchgefühl wohl falsch gewesen und mein Test positiv ausgefallen war.
In diesem Moment setze bei mir die Panik ein. So hatte ich doch gerade den Tag mit meiner Mutter verbracht, war am Vortag arbeiten und wiederrum einen Tag davor mit Freund:innen essen. Ganz zu schweigen von meinem Kontakten zu Silvester.

Im Frühjahr und Sommer hatte ich noch im lokalen Gesundheitsamt als „Containment Scout“ gearbeitet und kannte dort daher einige Leute, die ich jetzt um Rat bitten konnte. Ich wusste also theoretisch, was zu tun war. Und trotzdem fühlte ich mich einfach nur schrecklich, denn was, wenn ich jemanden angesteckt hatte?
Tatsächlich hat sich schlussendlich nur ein Freund, den ich nach dem gemeinsamen Abendessen noch nach Hause gefahren hatte, infiziert. Im Gegensatz zu mir hatte er zum Glück auch kaum Symptome. Hätte ich ihm nicht gesagt, er solle sich testen lassen, hätte er es wahrscheinlich nicht mal mitbekommen.
Meine Mutter, mit der ich zusammenlebe (hallo Saarland!), hat sich überraschenderweise nicht angesteckt. Weil wir dies bis zum Ende meiner Quarantäne auch nicht riskieren wollten, sperrte ich mich die zehn Tage in meinem Zimmer ein. Ich verließ dieses nur mit FFP2-Maske und stand für ein bisschen frische Luft vor dem sperrangelweit geöffneten Fenster (bei knapp 2°C Außentemperatur).
Während ich als „Containment Scout“ tätig war, empfand ich die Aufregung und Empörung der Menschen angesichts von 14 Tagen Quarantäne immer als übertrieben. Nicht nur einmal wurde ich bei der Aussprache der Quarantäne beleidigt und für ihre Situation verantwortlich gemacht. Doch als ich mich selber isolieren musste, verlor ich gefühlt den Verstand, obwohl die Quarantäne währenddessen sogar auf zehn Tage verkürzt wurde. Es ging mir schlecht genug, um nichts machen zu können, aber gut genug, um mich zu langweilen, weil ich nichts machen konnte. Diese zehn Tage zogen sich wie Kaugummi.

Heute sehe ich mich schon fast als eine Art Pionierin. Ich war die erste meiner Freund:innen und Kolleg:innen, die in Quarantäne musste. Seitdem gab es Wochen, in denen ich beinahe die Einzige von ihnen war, die überhaupt noch rausgehen durfte.

Gerade wird darüber gesprochen, die verpflichtende Quarantäne abzuschaffen. Ob man das gut findet oder nicht, eine Isolation ist doch in jedem Fall sinnvoll. Denn auch wenn es einem selbst nicht so schlecht geht, so kann es den nächsten, den man ansteckt, schlimm erwischen.

Für mich war meine Quarantäne keine schöne Zeit, aber ich schätze mich sehr glücklich, dass niemand, der sich bei mir angesteckt hat, schwer erkrankt ist. Außerdem fühle ich mich wohler, seitdem ich weiß, welche Symptome bei einer Erkrankung auf mich zukommen. Die Angst vor dem Unbekannten ist verflogen, zumindest bis zur nächsten Variante. Zwar weiß ich, dass ich es wieder bekommen kann, aber zumindest habe ich die Gewissheit, dass es ich schon einmal ohne bleibende Schäden überstanden habe. Alles in allem trotzdem eine Erfahrung, auf die ich hätte verzichten können. Genauso wie auf die Pandemie insgesamt.