Medizin studieren ohne NC

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Einmal im weißen Kittel über den Krankenhausflur schweben... Diesen Traum hegen wohl viele Abiturient:innen. Doch nicht selten droht der Berufswunsch an der Abiturnote zu scheitern. Das muss jedoch noch nicht das Aus für ambitionierte Studienwillige bedeuten!

Unsere Autorin stellt euch heute einige Wege vor, mittels derer man auch ohne 1,0-Abi einen der begehrten Studienplätze ergattern kann.

Zum Wintersemester 2019/20 haben sich 41.791 Bewerber:innen auf 9.458 Studienplätze im Fach Medizin beworben. Das entspricht 4,42 Bewerber:innen pro Platz. Ganz zu schweigen von den zahlreichen Interessierten, die auf Grund eines vermeintlich schlechten Abischnitts überhaupt nicht versuchen, sich um einen Platz zu bewerben. Medizin steht im Ruf, nur Abiturient:innen mit einem Schnitt von 1,0 offenzustehen. Doch stimmt das und gibt es nicht trotzdem Wege zum ersehnten Traumstudium?

 

1. Bewerbung über die Stiftung für Hochschulzulassung

Hochschulstart.de ist die zentrale Stelle, um sich für ein Medizinstudium in Deutschland zu bewerben. Um die Chancen auf einen Studienplatz zu erhöhen, solltest du dir hier die Vergabekriterien für ein Medizinstudium genau ansehen.

a) Vorabquoten

Zunächst einmal wird ein geringer Teil an Studienplätzen an bestimmte Bewerbergruppen verteilt. Hierunter fallen zum Beispiel Zweitstudienbewerber:innen sowie zukünftige Landärzt:innen. Gerade letzteres sollte man zumindest näher betrachten. So werden an der Universität des Saarlandes beispielsweise seit dem Wintersemester 2020/2021 insgesamt bis zu 7,8 % der Studienplätze der Humanmedizin im Rahmen einer sogenannten „Landarztquote“ vergeben. Diese Vorabquote reserviert einen Teil der Studienplätze für Bewerber:innen, die sich vertraglich dazu verpflichten, nach Abschluss des Studiums und der fachärztlichen Weiterbildung in der Allgemeinmedizin für zehn Jahre in der hausärztlichen Versorgung in den unterversorgten und von Unterversorgung bedrohten ländlichen Regionen des Saarlandes tätig zu sein. Darüber hinaus müssen diese in einem speziellen Bewerbungsverfahren unter Beweis stellen, dass sie hierfür besonders geeignet sind. Die drohende Strafe von bis zu 250.000€ bei Vertragsbruch solltest du jedoch in deine Erwägungen miteinbeziehen.

b) Abiturbestnote

30% der Plätze werden ausschließlich über die Abiturnote vergeben.

c) Zusätzliche Eignungsquote (ZEQ)

Über diese Quote werden 10% der Studienplätze verteilt. Sie setzt sich aus ausschließlich schulnotenunabhängigen Eignungskriterien zusammen. Diese Kriterien sind je nach Hochschule unterschiedlich. Insgesamt werden hierbei 100 Punkte verteilt, die je nach Universität unterschiedlich auf verschiedene Kategorien verteilt sind. Ein großer Faktor an allen Universitäten ist der Test für medizinische Studiengänge, der sogenannte „Medizinertest“. Zudem spielt eine anerkannte Berufsausbildung für viele Einrichtungen eine wesentliche Rolle, wohingegen die Wartezeiten ab dem Sommersemester 2022 keine Berücksichtigung mehr finden (Ausnahme: Bayern bis WS 2022/2023).

Im Folgenden soll näher auf den Test für medizinische Studiengänge (TMS) und mögliche Berufsausbildungen eingegangen werden.

Der TMS wird zweimal im Jahr angeboten und kann seit 2022 sogar einmal wiederholt werden. Umfasst werden unter anderem die Themenbereiche „Medizinisch-naturwissenschaftliches Grundverständnis“, „Textverständnis“ und „Diagramme und Tabellen“. Mit einem guten TMS vergrößern sich die Chancen gerade für 1,x-Abiturient:innen ungemein. Aber auch mit einem schlechteren Schnitt und zusätzlichen positiven Faktoren ist an einigen Universitäten (je nach Gewichtung) ein Medizinstudium möglich. Dies erfordert jedoch eine sehr gute Vorbereitung. Zudem fallen 100€ Teilnahmekosten an. Dennoch bietet der TMS dir eine große Chance, um deinem Traumberuf ein Stückchen näher zu rücken. Weitere Informationen und die Anmeldefristen finden sich auf  https://www.tms-info.org/.

Unter eine anerkannte Berufsausbildung fallen zum Beispiel die Ausbildungen als Altenpfleger:in, Biologielaborant:in oder auch Arzthelfer:in. Eine solche Ausbildung verzögert das ersehnte Studium zwar etwas, hat jedoch den Vorteil, dass du schon erste Einblicke in das künftige Berufsbild gewinnen kannst. Außerdem erhältst du eine gesicherte Grundlage vor dem Medizinstudium, auf die du aufbauen kannst. Der Blick auf die möglichen Ausbildungen lohnt sich also.

Weitere Faktoren können ein Dienst, ein Preis oder auch eine Berufstätigkeit sein. Eine Liste der jeweilig anerkannten Bereiche ist auf  Übersicht Auswahlkriterien ZEQ Sommersemester 2022 (hochschulstart.de) zu finden.

d) Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH)

Die meisten Plätze (60%) werden schließlich im Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH) vergeben. Auch in diesem Verfahren spielen neben der Abiturnoten die oben genannten Kriterien eine sehr große Rolle. Es sind mindestens zwei schulnotenunabhängige Eignungskriterien festzulegen. Außerdem wird die Berücksichtigung eines fachspezifischen Studieneignungstests vorgeschrieben. Wie die Kriterien an den einzelnen Universitäten gewichtet werden (auch bei der ZEQ), ist auf https://medizinstudium.io/univergleich/ übersichtlich dargestellt. Generell sollte man sich an allen Universitäten bewerben, um die Chancen möglichst groß zu halten. Anschließend ist dann eine Priorisierung möglich, die aber keinen Einfluss auf die Studienplatzvergabe hat.

Wie du sehen kannst, liegt die Zulassung zum Traumberuf also nicht nur am Notendurchschnitt und es besteht durchaus eine Chance, auch ohne 1,0 über die zentrale Studienvergabe einen Studienplatz zu erhalten. Darum solltest du es auf jeden Fall versuchen und die bestehenden Möglichkeiten nutzen, um deinen Schnitt aufzubessern.

 

2. Bundeswehr

Auch die Bundeswehr vergibt rund 250 Studienplätze im Bereich Medizin an zivilen Hochschulen. Dabei spielt die Abiturnote nur eine Nebenrolle. Ein großer Faktor stellt hingegen das Auswahlverfahren der Bundeswehr dar. Dieses dauert drei Tage und findet in Köln statt. Dabei wird unter anderem eine medizinische Untersuchung vorgenommen. Zudem werden verschiedene Sporttests sowie Studieneignungstests und Eignungsgespräche durchgeführt. Schneidet man hier besonders gut ab, kann man auch mit einem Abitur von 2,5 noch einen Studienplatz erhalten. Außerdem erhält man schon während des Studiums ein Gehalt. Es sollte jedoch bedacht werden, dass man sich für insgesamt 17 Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet. Des Weiteren muss man während der Semesterferien an militärischen Ausbildungen teilnehmen und eine Bereitschaft mitbringen, sich bundesweit versetzen zu lassen und gegebenenfalls an Auslandseinsätzen der Bundeswehr teilzunehmen. Die Entscheidung sollte dementsprechend gut überlegt sein. Wer dennoch oder gerade deswegen interessiert ist, findet weitere Informationen unter Ärztin / Arzt (m/w/d) - Karriere bei der Bundeswehr (bundeswehrkarriere.de).

 

3. Private Universitäten

Eine weitere Möglichkeit zum Medizinstudium ist der Weg über eine private Universität. In Deutschland gibt es einige private Universitäten, an denen dies möglich ist. Das sind die Kassel School of Medicine (https://www.ksm-info.de/), der Asklepios Campus Hamburg (https://www.asklepios.com/ach/), die Paracelsus Universität Nürnberg (https://www.klinikum-nuernberg.de/DE/paracelsus-universitaet/), die Privatuniversität Witten/Herdecke (https://www.uni-wh.de/), die Medical School Berlin (https://www.medicalschool-berlin.de/studiengaenge/fakultaet-medizin-universitaet/ ), die Medical School Hamburg (https://www.medicalschool-hamburg.de/studiengaenge/fakultaet-medizin-universitaet/ ), HMU Health and Medical University Potsdam (https://www.health-and-medical-university.de/studiengaenge/fakultaet-medizin/studium-humanmedizin/) und die Medizinische Hochschule Brandenburg (https://www.mhb-fontane.de/). Diese wollen Bewerber:innen auch ohne oder mit nur wenig Berücksichtigung des Abischnitts eine Möglichkeit geben, einen Studienplatz zu erhalten. Ein besonderer Vorteil ist hier die meist kleine Kursgröße. Diese hat jedoch zur Folge, dass das Auswahlverfahren nicht weniger streng als an staatlichen Universitäten ist. Es wird allerdings mehr Wert auf Praxiserfahrung sowie die persönliche Motivation gelegt. Zudem muss an einigen Universitäten ein Studieneignungstest abgelegt werden. Notwendig sind auch ausreichend finanzielle Mittel. Ein Semester kann zwischen ca. 5.500€ und 12.500€ kosten. Jedoch besteht auch die Möglichkeit, sich auf verschiedene Stipendien oder auch universitätseigene Förderprogramme zu bewerben. Zudem bieten einige Universitäten den sogenannten „Umgekehrten Generationsvertrag“ an, bei welchem Studierende während des Medizinstudiums nur einen geringen Anteil oder gar keine Studiengebühren bezahlen. Erst mit dem Eintritt ins Berufsleben fangen sie damit an. Dabei gehen die Zahlungen dann in einen Fond, der wiederum die Studierenden der nächsten Generation unterstützt und es ihnen ermöglicht, auf große Zahlungen während des Studiums zu verzichten.  An einigen Universitäten solltest du des Weiteren Reisebereitschaft und gute Englischkenntnisse mitbringen: Der Vorklinische Teil des Studiums am Asklepios Campus Hamburg muss an der Semmelweis-Universität in Budapest (Ungarn) abgeleistet werden. An der Kassel School of Medicine studiert man während der Vorklinik mit den dortigen Studierenden in Southampton (England).

Wer jedoch die nötigen finanziellen Mittel besitzt oder ein Stipendium ergattert, sollte diese Option auf jeden Fall ins Auge fassen.

 

4. Ausland

Wer auch bereit ist, ins Ausland zu ziehen, findet hier gute Optionen in deutscher Sprache. Besondere Beliebtheit genießt vor allem Österreich. Um an den dortigen Studienorten Wien, Innsbruck, Graz und Linz einen Studienplatz zu erhalten, musst du einen Aufnahmetest bestehen und dich dabei gegen eine große Anzahl weiterer Bewerber:innen durchsetzen. Der Aufnahmetest umfasst die Bereiche „Basiskenntnistest Medizinische Studien“, „Textverständnis“, „Kognitive Fähigkeiten und Fertigkeiten“ und „Kognitive Fähigkeiten und Fertigkeiten“. Weitere Informationen hierzu findest du unter https://www.medizinstudieren.at/aufnahmetest/. Hat man diese Hürde aber erst einmal überwunden, kann man in Österreich gebührenfrei studieren.

Auch Ungarn bietet an den Standorten Szeged http://www.med.u-szeged.hu/deutsch) , Budapest (https://semmelweis.hu/deutsch/) und Pécs (https://bewerbung.medizin.pte.hu/humanmedizin) den Studiengang Medizin in deutscher Sprache an. Die Kosten hierfür können sich jedoch auf ca. 15.000€ pro Jahr belaufen. Auf der anderen Seite sind die Lebenshaltungskosten in Ungarn vergleichsweise günstig. Einen fixen NC gibt es im Bewerbungsverfahren nicht, vielmehr wird auf das Abschneiden in den naturwissenschaftlichen Fächern (Mathematik, Chemie, Physik und Biologie) oder die Belegung von Vorkursen und berufliche Vorerfahrungen geachtet.

Dazu gibt es noch zahlreiche Möglichkeiten, wenn man bereit ist, auf Englisch zu studieren.

 

Wie du siehst, gibt es viele Wege, zu einem Studienplatz zu kommen, ohne dass du einen 1,0-Schnitt benötigst. Du solltest dein Glück also auf jeden Fall versuchen!

 

 

 

Alle Angaben ohne Gewähr

 

Angebot und Nachfrage - Wintersemester 2019/20 (hochschulstart.de)

Saarland - Landarztquote