Flipped Classroom – ein alternatives Konzept für den Schulunterricht?

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Flipped Classroom ist ein Konzept, welches den herkömmlichen Unterricht umdreht und Schüler:innen das selbstständige Lernen ermöglicht. Wie genau funktioniert diese Methode des Unterrichts und welche Vor- und Nachteile bringt sie mit sich?

Ich kenne den Schulunterricht aus meiner Schulzeit noch im „klassischen Modell“. Die Lehrperson steht vorne und erklärt uns den neuen Stoff. Nicht immer ist man währenddessen ganz bei der Sache. Teilweise schiebt man sich Zettelchen mit Mitschüler:innen hin und her, schaut gelangweilt aus dem Fenster, oder man kann sich in der letzten Stunde schlicht und ergreifend nicht mehr konzentrieren. Am Ende der Stunde bekommt man dann Hausaufgaben auf, die man idealerweise selbstständig zuhause bearbeiten soll. Hat man den Stoff im Unterricht allerdings nicht ganz verstanden, stellt sich das Bearbeiten der Übungsaufgaben teilweise als schwierig heraus, und man verliert schnell die Motivation. „Das schreibe ich morgen einfach bei jemanden ab.“ wird dann oft zur Lösung des Problems herangezogen.

Um solchen Problemen entgegenzuwirken, wurde die Unterrichtsmethode des sog. „Flipped Classrooms“ (auch „Inverted Classroom“ genannt und zu Deutsch: „umgedrehter Unterricht“) entwickelt. Aber was genau ist darunter zu verstehen, und wie unterscheidet sich dieses Konzept von dem „herkömmlichen“ Unterricht?

Als Flipped Classroom wird das Bereitstellen von digitalen Medien für Schüler:innen – z.B. Videos oder Audiodateien – zum eigenständigen Erlernen zuhause und das anschließende Bearbeiten von Übungsaufgaben im Unterricht zur Vertiefung des Lerninhalts verstanden. Das gewohnte Vorgehen – Erlernen des Stoffs im Unterricht und anschließende Hausaufgaben für zuhause – wird somit umgedreht. Statt Hausaufgaben erhalten Schüler:innen also Materialen, anhand derer sie sich den Stoff selbst erarbeiten. Das erarbeitete Wissen wird dann im Unterricht anhand von Übungsaufgaben gefestigt.

Vorteile

Ein klarer Vorteil dieser Methode ist das individuelle Lernen im eigenen Tempo. Schüler:innen haben die Möglichkeit, sich die Lernmaterialien beliebig oft anzuschauen, Pausen zu machen oder Passagen zu wiederholen. Sollten sie mittendrin einen Punkt nicht verstehen, kann dieser nachgelesen werden. Auch ihre Aufmerksamkeit und somit das effiziente und konzentrierte Lernen kann durch die Vermittlung des Lerninhalts in kleinen Häppchen erhöht werden (z.B. indem kurze Lernvideos zu einzelnen Themen hochgeladen werden). Das kann wiederum zur Senkung der Hemmschwelle zur Bearbeitung der Aufgaben führen. Insgesamt fördert das Konzept also ein selbständiges und eigenverantwortliches Arbeiten der Schüler:innen.

Durch die Vorarbeit zuhause kann der Einsatz von Flipped Classrooms außerdem den interaktiven Unterricht in der Klasse fördern. Denn der Input liegt im Präsenzunterricht nicht nur bei den Lehrkräften. Da Schüler:innen bereits ein Grundverständnis für ein Thema haben, wissen sie bereits, wo es Unklarheiten gibt und können somit genauere Fragen stellen. Außerdem wird eine individuelle Unterstützung von Schüler:innen gefördert. Diejenigen, die den Stoff bisher gut verstanden haben, können selbständig Übungen lösen und sich auch an kompliziertere Aufgaben wagen. Leistungsschwächere Mitschüler:innen können in der Zeit Unterstützung von Lehrer:innen erhalten. So kann vorgebeugt werden, dass einzelne Schüler:innen auf der Strecke bleiben.

Zudem ermöglicht der Zugang zu digitalem Lernmaterial das Nacharbeiten von Schüler:innen, die z.B. krank waren, da sie den Stoff zu einem anderen Zeitpunkt nachholen können. Aber auch die Wiederholung von Klassenarbeiten ist hierdurch vereinfacht.

Zu guter Letzt kann durch die Anwendung dieser Methode dem Abschreiben von Hausaufgaben entgegengewirkt werden.

Nachteile

Aber wie so oft gibt es auch bei diesem Konzept Schwächen. Zunächst kann der Aufwand für Lehrkräfte je nach digitalem Lernmaterial sehr hoch sein. Zu beachten ist auch, dass Schüler:innen eine entsprechende technische Ausstattung benötigen. Zwar haben mittlerweile die meisten Schüler:innen schon in jungen Jahren zumindest ein Smartphone. Aber das ist eben nicht immer der Fall. Deshalb muss zunächst sichergestellt werden, dass keiner hierdurch benachteiligt wird. Problematisch ist außerdem, dass das selbständige Erarbeiten des Lehrstoffs zu einem gegenteiligen Effekt als gewünscht führen kann. Verstehen die Schüler:innen etwas nicht und kommen deshalb nicht weiter, kann dies zur Motivationslosigkeit führen, da eine sofortige Nachfrage bei den Lehrkräften nicht möglich ist.

Es besteht letztlich auch hier die Gefahr, dass die Materialien zuhause nicht bearbeitet werden. Dies führt dann dazu, dass die Übungsaufgaben im Unterricht nicht bearbeitet werden können und der Stoff doch nochmal vor Ort erklärt werden muss. Das würde allerdings dem Konzept des Flipped Classrooms zuwiderlaufen und zu einem doppelten Aufwand für Lehrkräfte führen. Außerdem können Schüler:innen, die zuhause wie geplant vorgearbeitet haben, hierdurch im Unterricht schnell gelangweilt sein.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese alternative Methode in der Theorie durchaus viele Vorteile mit sich bringt. Neben dem Erlernen von Softskills – wie z.B. dem selbständigen Lernen – können Schüler:innen individuell im Unterricht unterstützt werden. In der Praxis besteht allerdings das Risiko, dass die Lernmaterialien zuhause nicht bearbeitet werden und somit das Konzept von Flipped Classrooms behindert wird. Wichtig ist auch, dass die technische Ausstattung bei allen Schüler:innen gewährleistet ist.

Ob das Konzept sinnvoll ist und Erfolg haben kann, kommt am Ende auf die Schulfächer, den Jahrgang und die jeweilige Klasse bzw. Schüler:innen an.