WISPER

Motivation

Die Globalisierung der Märkte, zunehmende internationale Verflechtungen und der grenzüberschreitende Wettbewerb können für deutsche Unternehmen eine Herausforderung darstellen und eine internationale Ausrichtung der Unternehmenspolitik erforderlich machen. Dabei wird dem Aufbau, der Nutzung und der Erweiterung des Wissens einer Organisation zur Erreichung länderübergreifender Wettbewerbsvorteile eine zentrale Bedeutung beigemessen.
Wissenstransfer erfolgt häufig im Rahmen der Einarbeitung am Arbeitsplatz. Konventionelle Dokumentationsformen – wie schriftliche Arbeitsanweisungen und Checklisten – können genutzt werden, um explizites Wissen weiterzugeben. Implizit vorliegendes Wissen ist hingegen hochgradig individuell, personengebunden und kontextabhängig. Es lässt sich sprachlich nicht oder nur schwer artikulieren. Erfahrung in Form von implizitem Wissen kann daher einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil in einem sich global verschärfenden Umfeld darstellen und ist somit eine zentrale Schlüsselressource für die Internationalisierung von Unternehmen. Gleichzeitig stellt es eine große Herausforderung für Wissenstransferprozesse innerhalb eines Unternehmens dar.

Ziele und Vorgehen

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage an Bedeutung, wie sich erfahrungsbasiertes Wissen aus realen Arbeitshandlungen nachhaltig sichern und standortübergreifend für nachfolgende Mitarbeitende nutzbar machen lässt. Hier setzt das Projekt WISPER an. Zentrales Ergebnis soll ein konzeptuelles Rahmenwerk für eine datenschutzkonforme, videobasierte Dokumentation realer Arbeitshandlungen sein. Dies soll es deutschen Unternehmen ermöglichen, erfahrungsbasiertes Wissen aus realen Arbeitshandlungen in digitalisierte Wertschöpfungsketten zu überführen, im Unternehmen zu halten und für die Fort- und Weiterbildung nutzbar zu machen. Im internationalen Wettbewerb soll eine auf diese Weise entstandene anonymisierte Wissenseinheit mit ihrem Privacy-by-Design Paradigma einen strategischen Vorteil eröffnen, indem sie standortübergreifende Verfügbarkeit arbeitsplatznahen Erfahrungswissens ohne physische Präsenz erfahrener Fachkräfte ermöglicht. Dies würde die Einarbeitung und Qualifizierung in sprachlich diversen Teams erleichtern, Abhängigkeiten von individuellen Schlüsselpersonen reduzieren, die Wahrung eines europäischen Datenschutzverständnisses ermöglichen und die Wissenshoheit in global verteilten Produktions- und Schulungsprozessen fördern.
Zudem strebt das ZRD den Aufbau einer internationalen Forschungskooperation zur Anonymisierung von Videoaufzeichnungen im Kontext des Wissenstransfers in der Industrie an. So soll auch über das bestehende Projekt hinaus ein Ort entstehen, an dem internationale Forschende gemeinsam Ansätze entwickeln und testen können. Zudem sollen Kontakte zu Anwendungspartnern ausgebaut werden, um langfristig tragfähige Kooperationsstrukturen zu etablieren. Diese sollen über die Projektlaufzeit hinaus Bestand haben und eine nachhaltige Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie ermöglichen.

Innovationen und Perspektiven

Die wissenschaftliche Neuheit des Vorhabens liegt in der systematischen Untersuchung und Kombination mehrerer zentraler Aspekte: Der Analyse notwendiger Ausdrucksformen für die sachgerechte Vermittlung impliziten Erfahrungswissens in videobasierten Arbeitssituationen und deren bestmöglicher Vereinbarkeit mit geltenden Datenschutzvorgaben sowie der systematischen Betrachtung möglicher Unterschiede zwischen menschlicher Wahrnehmung und KI-gestützten Verfahren bei der Personenwiedererkennung. Zudem werden hardwareunterstützte Anonymisierungstechniken näher an den Aufzeichnungsvorgang herangebracht, um Datenschutzvorfälle und möglichen Missbrauch einzuschränken. Als zentrale Anwendungsperspektive soll das Konzept eines anonymisierten „Wissensgeists“ entstehen.
Langfristig kann ein solcher „Wissensgeist“ wertvolles Potenzial für die Weiterentwicklung technischer Systeme darstellen.